Odyssee auf Kubanisch

Camagüey

Von Trinidad sollte es nun weiter nach Camagüey gehen. Dieses Mal wollten wir mit einer neuen Reisemethodik den Wucherpreisen der Touristenbusse und Sammeltaxis aus dem Weg gehen und erkundigten uns schon am Tag vor der Abreise nach dem „Punto Amarillo“ von Trinidad. Dies bedeutet übersetzt „Gelber Punkt“ und funktioniert wie eine Bushaltestelle, nur dass hier keine richtigen Busse halten, sondern umgebaute Lastwagen. Zu Fuß liefen wir an den Stadtrand von Trinidad und fanden schon bald bei einer Tankstelle den besagten Platz und warteten im Morgengrauen auf den richtigen LKW. Vor uns lagen mehr als 260 Kilometer. Bald schon kam unser LKW und es ging unter ohrenbetäubendem Dröhnen über die schaukligen Straßen Kubas. Bequem hatten wir es nicht gerade und wurden auf den harten Bänken durchgeschüttelt. Die erste Stunde war zudem noch eisig kalt, doch wir konnten schon den Sonnenaufgang beobachteten, bis es irgendwann warm wurde. Nach etwa zwei Stunden Fahrzeit wurden alle aus dem Fahrzeug geschmissen: Umsteigen! Später mussten wir noch ein weiteres Mal umsteigen und fuhren insgesamt fünf Stunden! Das war ganz schön anstrengend und egal wie sehr man auch durchgeschaukelt wurde, schlief man doch hin und wieder ein, wachte wieder auf und wunderte sich, wann all die Bananen, Rumpaletten und Kisten mit Tauben eingeladen wurden.

Doch schließlich kamen wir in Camagüey an und das für gerade einmal umgerechnet fünf Euro. Wie zuvor hatten wir nun natürlich keinen Taxifahrer, der uns ein Casa andrehen wollte – doch kein Problem! Es gab ja überall genug Taxifahrer in den Städten und schon bald wurden auch wir wieder in unsere neuen vier Wände gefahren und machten uns anschließend noch einmal auf den Weg. Dieses Mal wollten wir pünktlich unseren Viazul-Bus buchen, denn wir haben spontan entschlossen, doch noch den weiten Weg bis fast an das östliche Ende Kubas nach Santiago auf uns zu nehmen und uns nichts entgehen zu lassen. Leider war es aber noch nicht möglich, den Bus zwei Tage im Voraus zu buchen. Nagut, dann geht es am nächsten Tag pünktlich zum Ticketverkauf erneut zum Busbahnhof.


Am nächsten Tag schauten wir uns die Stadt an, die früher zur Verwirrung von Feinden wie ein Labyrinth aufgebaut war, und fanden immer wieder einen versteckten Platz oder eine andere Kirche. Bisher war es die erste Stadt, in der man kaum Touristen sah und sich wie im echten Kuba fühlte. Wie geplant, war auch der Besuch des Busbahnhofs auf unserem Plan: Zwei Tickets nach Santiago bitte. Doch noch immer waren wir zu früh. Wir sollten in einer Stunde wiederkommen, wenn die Listen mit freien Plätzen telefonisch durchgegeben wurden. Es würde aber auf jeden Fall noch freie Plätze geben. Draußen lehnten wir also fleißig alle Colectivo-Angebote ab und machten uns auf die Suche nach Essen. Bald fanden wir einen verlassenen Italiener, wo wir drei verschlafene und gelangweilte Kellnerinnen aufweckten und die nun nur wegen uns beschäftigt wirken. Dann ging es wieder zum Busbahnhof und Überraschung: Alle Tickets sind bereits ausverkauft. Enttäuscht verließen wir das Bahnhofsgebäude und versuchten ein halbwegs vernünftiges Sammeltaxi-Angebot auszuhandeln. Schriftlich vereinbarten wir Uhrzeit und Maximalbesetzung des Autos, wir lassen uns doch nicht wieder über den Tisch ziehen! Wir wissen doch nun, wie das hier läuft! Abends schauten wir uns kostenlos im Grand Hotel ein Wasserballett an und genossen dabei wieder einen leckeren Cocktail.


Nach einer erholsamen Nacht klingelte am nächsten Morgen nach vereinbarter Zeit unser Fahrer bzw. Zubringer. Denn mit einem Taxi stand er noch nicht vor der Tür, jedoch aber mit einer Fahrradrikscha. Er wolle uns zum Bahnhof fahren, da es mit dem Auto ein Problem gäbe, welches aber schnell gelöst sein sollte. Doch nichts da. Nachdem wir schon 1,5 Stunden am Bahnhof auf unser Ersatzauto warteten und uns doch so bewusst war, dass hier wieder etwas nicht mit rechten Dingen zuging, wurden wir sauer und versuchten uns ganz überzeugend auf Spanisch zu beschweren. Bald war nicht mehr ein kaputtes Auto Schuld, sondern zwei fehlende Mitfahrer. Nur mit einem vollen Auto wird die Fahrt begonnen. Na super! Hier sind doch aber keine Touristen! Nachdem schon über zwei Stunden vergangen waren, versuchte Anne wieder mit Spanisch zu diskutieren, Englisch half ja schließlich nicht weiter. Erst bei ein paar wütenden deutschen Sätzen schauten die Taxifahrer kurz erschrocken, doch man hat ja keine Chance. Ein Taxifahrer, der natürlich nicht mit den anderen unter einer Decke steckte, wollte uns helfen und ihm tat alles schrecklich leid. Er bot uns an, uns zu zweit nach Santiago zu bringen und das zum gleichen Preis, nein Moment! Zum gleichen Preis, den ein Taxifahrer mit vier Touristen gemacht hätte. Das war uns zu viel. Verzweifelt suchten wir noch einmal das Büro des Touristenbusses auf, denn in einer halben Stunde würde dieser planmäßig abfahren. Und wir hatten Glück im Unglück: Es sind tatsächlich Plätze frei geworden und irgendwie kamen wir schließlich nach Santiago de Cuba! Juhu!


Santiago de Cuba

In Camagüey hatten wir bereits eine Casa vermittelt bekommen. Durch das Dilemma mit dem Taxi Colectivo und der langen Busfahrt kamen wir viel später als erwartet an. In dieser Zeit hatte sich unsere Casa-Mutti aus Camagüey bereits mehrfach über unseren Verbleib erkundigt. Wie lieb!

Schnell suchten wir uns noch etwas zu Essen und kamen dabei in die bunteste und beleuchtetste Einkaufsstraße, die wir seit langem gesehen hatten. Nach den ersten Metern durch die dunklen Gassen am Rande des Zentrums wurden wir von dem ganzen Licht förmlich geblendet. Zum Abendessen gab es wieder einmal Spaghetti mit Tomatensoße. Bei unserem abendlichen Mojito wurden wir von einem Kubaner angesprochen, der uns für den nächsten Tag auf eine Bootsfahrt einlud.

Von unserem Zimmer aus war es zum Glück nicht weit bis ins Zentrum der Stadt. Der Hauptplatz ‚Parque Cespédes‘ mit der großen Kathedrale, dem Rathaus und der Casa de Diego Velazquez lag nur ein paar Querstraßen von uns entfernt. Neben diesem sahen wir uns am ersten Tag den Plaza de Dolores und Plaza de Marte an, folgten den steilen Straßen zu einem Aussichtspunkt und liefen den Hafen entlang.



Der Kubaner, den wir am vorherigen Abend kennen gelernt hatten, war Koch an einer Hafenbar und arbeite auch auf dem Boot, das eine zweistündige Rundfahrt durch die Bucht anbot. Am späten Nachmittag warteten wir auf das kleine Boot und bezahlten umgerechnet zwei Euro für den Ausflug.

Auf der Fahrt gab es laute Musik, zu denen die Kubaner ausgiebig tanzten und feierten. Wir bekamen sogar noch ein Snackpaket mit Kartoffelecken, frittierten Bananen, einer großen Hühnerkeule und einem Päckchen Bonbons – alles mit in dem Tourpreis enthalten!
Wir schipperten an der großen Festung Castillo el Morro vorbei und genossen den Sonnenuntergang bei einem Cocktail, bevor auch wir zum Tanzgelage auf dem unteren Deck des Schiffes eingeladen wurden. Ab geht die Polonaise!

Am nächsten Tag versuchten wir wieder einmal unser Glück mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Dafür entfernten wir uns etwas vom Zentrum, um zum nationalen Busbahnhof zu gelangen. Unser Ziel war die Basilika de Cobra, eine riesige Kirche, die mitten in den Bergen von Santiago steht. Die ganze Idee stellte sich zu Beginn wieder als schwierig heraus, da alle behaupteten, dass kein Bus in das kleine Dorf ‚El Cobre‘ fährt und wir stattdessen natürlich ein Taxi nehmen müssten. Am Ende hatten wir doch Glück mit unserer Hartnäckigkeit und wurden an die richtige Stelle verwiesen. In der Eingangshalle der Busstation stellten wir uns mit den Kubanern und einigen Hühnern in einer Reihe auf, die nach und nach in die Busse eingewiesen wurden.


In El Cobre angekommen, merkten wir schnell den Unterschied zur großen Stadt Santiago. Hier war überhaupt nichts los: Bis auf eine lange Straße, an deren Rand sich Dutzende von Verkäufern reihten, die alle Figuren der Madonna und andere Heiligenbilder verkaufen wollten (obwohl es hier gar keine Touristen gab), und der Kirche waren die Straßen ausgestorben.
In der Halle des Gotteshauses genossen wir aber die Ruhe, indem uns nicht ständig hinterhergerufen oder -gepfiffen wurde. Den Rückweg traten wir wieder mit einem umgebauten Lastwagen an.

Da die Sonne noch weit oben am Himmel stand, als wir zurück kamen, entschieden wir uns noch auf den Turm der Kathedrale auf dem Hauptplatz zu steigen. Die Dächer und das Meer waren in oranges Licht getaucht. Auf dem Platz sammelten sich derweil immer mehr Menschen an, die einer Gruppe von Musikern lauschten, die für ihren Auftritt am nächsten Tag probten.

Am Abend trafen wir noch den Schweizer, der bereits in unserer Casa in Camagüey wohnte, wieder und aßen mit ihm zu Abend.

An unserem letzten vollständigen Tag in der Stadt nahmen wir uns vor, die Sehenswürdigkeiten außerhalb des historischen Zentrums zu erkunden. Da die Rumfabrik leider geschlossen war, liefen wir direkt zum Plaza de la Revolución. Hier gab es eine riesige Statue von José Martin. Anschließend ging es weiter zur Moncada-Kaserne, wo die Revolution unter Fidel Castro damals (noch erfolglos) begann.

Nach dem langen Weg unter der brennenden Sonne durch die Hintergassen von Santiago stärkten wir uns in einem Restaurant mit Nudeln, Pizza und einem kühlen Bier (da es ernsthaft kein Wasser und Saft mehr gab).

Danach stand nur noch der Besuch des Friedhofs auf dem Programm, wo die berühmtesten kubanischen Persönlichkeiten liegen. Leider kostete das Betreten einige CUC und wir entschieden uns, lediglich das frei zugängliche Grab von Fidel Castro zu besuchen, der erst einige Monate zuvor verstorben war und die offizielle Volkstrauer noch anhielt.
Ordnungsgemäß wurden wir von einem Polizisten an den richtigen Eingang des drei Meter langen Weges am Grab vorbei geführt und nach einem einminütigen Verweilen vor diesem darum gebeten, den Platz wieder freizugeben – obwohl niemand anderes vor Ort war.

Bevor die Sonne unterging, setzten wir uns noch einmal in das schicke Hotel am Hauptplatz, um einen gemütlichen Abend zu verbringen. Bei Saft, Mojito und Oliven tankten wir Kraft für die nächste Nacht und gingen im Anschluss noch Reiseverpflegung einkaufen.

Dies war auch schon unser letzter Tag in Santiago. Am Abend liefen wir mit unseren großen Rucksäcken zum Busbahnhof, um im Anschluss zwölf Stunden bis nach Varadero zu fahren. Diesmal freuten wir uns auch endlich weg zu kommen, denn hier wurden wir der ständigen Zurufe, dem Geschmatze und Gepfeife zum ersten Mal überdrüssig. Da sich in der großen Stadt doch verhältnismäßig wenige Touristen aufhielten, waren wir ein interessantes Programm für die Kubaner – und wie immer eine Geldbörse auf vier Beinen. Nein, wir möchten keinen „Chico para noche“ und auch keine Taxifahrt…

Als wir dann vollgepackt zum Busbahnhof kamen, offensichtlich mit unseren gekauften Bustickets vor uns herwinkten und wir selbst in dieser Situatuin noch gefragt wurden, ob wir denn ein Taxi Colectivo wollten, konnten wir nur mit dem Kopf schütteln.

Hier geht es zu der Galerie von Camagüey und Santiago de Cuba.

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Lisa Möller Verfasst von: